Inside Wirtschaft-Reporter Stefan Gäbler hat Dr. Hans-Gert Pöttering zum Gespräch getroffen und sich mit dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung über Europa unterhalten. 

Inside Wirtschaft: Herr Dr. Pöttering, insgesamt waren Sie 35 Jahre Mitglied des Europäischen Parlaments. Wie haben Sie die Entwicklung der Europäischen Union in Ihrer aktiven Zeit vor Ort erlebt?

Hans-Gert Pöttering: Als wir 1979 gewählt wurden, hatten wir nur sehr wenige Befugnisse. Damals wurde ich von vielen gefragt, wieso ich denn für das Europäische Parlament kandidieren würde. Meine Antwort darauf war immer: Wir werden uns unsere Zuständigkeiten erkämpfen. Heute ist die Europäische Union eine parlamentarisch verantwortete Gemeinschaft.  

IW: Wie können die einzelnen Strömungen in der EU geeint werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben in Hinblick auf Russland, die USA und China?

Pöttering: Vor meiner Zeit als Präsident des Europäischen Parlaments war ich Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten. Innerhalb dieser Fraktion gab es viele verschiedene Strömungen – damals waren auch die britischen Konservativen noch in unserer Fraktion. Man muss sich stets auf Kompromisse einigen. Unser Maßstab war die soziale Marktwirtschaft, die auch als Wirtschaftsform der Europäischen Union im Vertrag von Lissabon verankert ist. Dieser Vertrag ist am ersten Dezember 2009 in Kraft getreten und das ist heute unsere Wirtschaftsordnung in der Europäischen Union. 

IW: Das Volk in Großbritannien hat sich bei einer Volksabstimmung gegen den Verbleib in der EU ausgesprochen. In Frankreich und den Niederlanden wurde mit dem Thema Wahlkampf betrieben. Ist die EU ein Auslaufmodell?

Pöttering: Überhaupt nicht. Die überzeugten Europäerinnen und Europäer müssen für die gute Sache kämpfen. Es ist ein sehr gutes Ergebnis, dass Macron mit einem ausgesprochen europafreundlichen Programm gewählt wurde und mit beinahe 66 Prozent nahezu eine Zweidrittelmehrheit erreicht hat. Das ist ein gutes Signal für Europa, aber wir müssen uns anstrengen und diejenigen, die nicht für Europa sind, für uns zurückgewinnen. Das ist eine wichtige Aufgabe – nicht nur in Frankreich, sondern in der gesamten Europäischen Union.

IW: Sie empfangen regelmäßig hochrangige Gäste und reisen um die Welt. Welchen Beitrag für Europa kann die Konrad-Adenauer-Stiftung und welchen können Sie persönlich leisten?

Pöttering: Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist eine Gemeinschaft, die in über 80 Ländern der Welt vertreten ist und damit haben wir ein großes Netzwerk in Europa und in der Welt. Nach einer Umfrage der Pennsylvania University, die weltweit über 2000 Wissenschaftler und Experten befragt hat, haben wir als Stiftung das dichteste Netzwerk überhaupt. Meine europäische Erfahrung ist bei dieser Arbeit sicherlich auch hilfreich. 

IW: Sie haben den Papst getroffen und Papst Franziskus darum gebeten, bei der europäischen Einigung zu helfen. Wie kann diese Form der Unterstützung aussehen?

Pöttering: Zum Thema Migration und Flüchtlinge hatten wir als Konrad-Adenauer-Stiftung eine gemeinsame Tagung mit dem Vatikan und einer italienischen Gemeinschaft, die ihren Sitz in New York hat. In dieser Frage ist Papst Franziskus besonders engagiert und es bedarf keiner an ihn gerichteten Bitte oder Aufforderung, sondern er tut das aus sich heraus. Es war eine gute Erfahrung zu wissen, dass wir in den großen Fragen der Migration – auch was die Würde des Menschen angeht – in die gleiche Richtung denken und handeln.

IW: Vor einigen Jahren haben Sie ein Buch mit dem Untertitel „Mein Europa“ verfasst. Wie weit sind wir aktuell von Ihrem idealen Europa entfernt?

Pöttering: Der genaue Titel des Werkes lautet Wir sind zu unserem Glück vereint und der Untertitel Mein europäischer Weg. Wir sind vereint, wir haben viele Erfolge – aber es gibt auch Herausforderungen. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen und die gegenwärtigen Herausforderungen sind gewaltig. Mit Mut, Leidenschaft und Entschlossenheit werden wir unsere Ziele erreichen, da bin ich zuversichtlich.